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Babylon Studie - 2009

 

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Babylon - 2009

 

Eröffnung der Ausstellung „Babylon“

Rede von Prof. Gunter Rambow zur Eröffnung am 30. August 2009

Lars Lehmann malt Stillleben - dieser Begriff kommt aus dem Niederländischen und heißt dort “Still leven” - er tauchte erstmals um 1650 in einem Inventarkonvolut auf. Die ersten selbständigen Stillleben wurden dem Maler Peirakos in der früh-hellenischen Epoche zugeordnet, die als Vorbild für pompejanische Fresken mit Stillleben in vielgestaltigen Anordnungen zeigen, einmal die Gruppe Esswaren, die Kultgefäße und die kleinen Dinge wie Schreibgeräte und Geld. Seit dieser Zeit werden in allen Stilepochen von beinahe allen Malern und Skulpteuren Stillleben geschaffen. 

In meinen folgenden Ausführungen erweitere ich den kunstwissen-schaftlichen Begriff “still leven” bzw. Stillleben auf die Dingwelt in den Stillleben und auf das Abbilden aller Dinge, die je nach Absicht Dokumente oder bildnerische Methaphern sind, allerdings vom Rezipienten manchmal als Stillleben gesehen werden wollen.

1829 entwickeln und erfinden Joseph Nicéphore Niépce und Louis Jacques Mande Daguerre die Fotografie. Um 1853 fotografiert Daguerre einen gedeckten Tisch, die Regieanweisung dazu könnte Cezanne gemacht haben, so klar und gleichzeitig so poetisch ist das Arrangement. Mehr als 10 Jahre zuvor, 1839, verfertigt William Fox Talbot in London fotografische Zeichnungen von Jasmin und Farn, Federn und Spitzen. So etwas bezeichnen wir seit den 1920iger Jahren als Fotogramme. 1874 fotografieren James Nasmyth und James Carpenter auf sogenannten Heliotypien einen sehr runzeligen Handrücken und auf einer zweiten Heliotypie einen verschrumpelten Apfel, um so die vermeintliche Erosion des Mondes zu illustrieren. Diese Fotos sind Meisterwerke der Stilllife-Fotografie und kündigen die Moderne an. Die Studio-Fotografie wie auch die Life-Fotografie werden von allen großen Fotografen für Stillleben benutzt. Auch die Industrie-Fotografie ist teilweise eine Stillife-Fotografie, im erweiterten Sinne. 

Eine bildnerische Revolution der Stillleben in der Moderne geht zunächst von der Fotografie aus. Es werden Artefakte, verdorrte Tiere, Fundstücke, Schwemmgut, verrostete Flugzeugmotoren, Autos, Panzer und unzählige andere Dinge künstlerisch aufgezeichnet und diese zeigen uns, mit welcher brachialen Gewalt, die neue Zeit ins neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert hineinstampfte. Mit welcher Habgier der junge Kapitalismus sich aller Technologien  und Methoden bediente, neues Massenelend aber auch technischen Fortschrittt brachte und gleichzeitig die Welt mit grausamsten Vernichtungskriegen überzog. Als Gegenbewegung entstand - den halben Globus umfassend - der sogenannte Sozialismus. Marx und Engels haben den Weg in den Sozialismus, so wie er praktiziert wurde, nicht gedacht und folglich nicht vorausgesehen, denn es war ja die seitenverkehrte Blaupause des Kapitalismus. Die Entwicklung des Kapitalismus hin zum Imperialismus verläuft exakt nach deren Prognosen, die wie Regieanweisungen wirken. Wir schauen auf das Endgültige ihrer Analysen, auf den wahren, schönen guten Sozialismus. Aber bis dahin werden wir uns noch sehr intensiv mit den Artefakten und den Dingen unserer Umgebung auseinandersetzen, die ja Zeugnisse der gesellschaftlichen Entwicklung sind.

Als ich Lehmann vor ca. 8 Jahren innerhalb einer von ihm ausgesuchten Runde von Künstlern und Wissenschaftlern kennenlernte, um sein neues Bild einer Berliner Hafenanlage zu betrachten, sah ich mit staunender Neugier viele kleinere Stilleben in Öl gemalt, sie übten etwas unwiderstehliches auf mich aus, mit dem Ergebnis, daß meine Frau, die ebenfalls in den Bann der Bilder geriet, und ich, sechs schöne Arbeiten von Lehmann erwarben. 

Die Bilder weckten in mir spontane Erinnerungen an einige meiner Seminarprojekte an der Universität Kassel, an der Hochschule für  Gestaltung Karlsruhe und an der Südlichen Yangtse Universität in China. Unter dem Überbegriff “Metaphysik der Dinge” veranstaltete ich mit jeweils ca. 25 Studierenden Seminarprojekte mit empirischen Untersuchungen, dokumentarisch fotografischen Aufzeichnungen und deren anschließender Publikation, meist als Buch und Ausstellung.

Im ersten Projekt fotografierten die Studenten 500 Parterre-Fenster einer Arbeiter- und Industriestraße und 500 Fenster einer ehemaligen Kavallerieoffizierstraße, heute die Straße der Professoren. Ein 1200-seitiges Buch produzierten die Studierenden, es wurde ein aufschluß-reiches Werk über die Selbstdarstellung der in den Fenstern ausge-stellten Dinge und dem  Zustand der Straßen und damit ein Versuch eines Aspektes des individuellen, medienspezifischen Verhaltens der Bewohner klassenspezifischer Straßen zu erlangen. Die Botschaft von innen nach außen. 

Es folgten Projekte über den Stuhl, der Stuhl zwischen Thron, Küchenstuhl und elektrischer Stuhl. 

Ein weiteres Projekt “das Objekt als Zeichen” - eines, das die kleinen Dinge des täglichen Gebrauchs verbunden mit eigenen Texten im Stil konkreter Poesie - unter dem Titel “mit Text” entstand ein zauberhaftes Büchlein mit einem in Gummi tiefgezogenen Umschlag - und letztlich in China ein Projekt über Fundstücke vom Boden, der Straße, in Stadt und Land, in einem Gebiet, wo besonders intensiv der Sprung nach vorn praktiziert wurde. Dieser Sprung nach vorn war von Mao Tse-tung initiiert und war ein wesentlicher Teil seiner Kulturrevolution. Jedes Dorf betrieb mehrere, manchmal dutzende, Eisenschmelzen und produzierte Metallenes für den täglichen Gebrauch, es war atemberaubend, was der Boden an jüngster Geschichte in Form von Artefakten preisgab. Ich hätte mir gewünscht, die französischen Soziologen und Strukturalisten wären die Mitforschenden, um gründlicher die gefundenen Fakten und Dingzeugnisse zu entschlüsseln, auszuwerten und zu analysieren. 

Die Verzweiflung stand bei allen Projekten immer daneben und verwies auf unsere Grenzen, häufig waren zwar Soziologie- und Philosophie-professorInnen beteiligt, aber im Sinne von Bourdieu und Boltanski hätte man tiefgreifender mit unseren gehobenen Schätzen umgehen können.

Man könnte fragen, was hat das alles mit Lars Lehmanns Stillleben zu tun? 

Lehmanns Gegenstände wirken wie für ein Foto arrangiert. Die Lichtführung kommt durch das Fenster, vor dem das Arrangement aufgebaut ist, seine Staffelei steht 90 Grad zum leicht von oben einfallenden Licht, ein mittlerer Kontrast wird erzeugt. Auch bei Rembrandt und Anderen kann man diese Lichtführung beobachten. In meinen jüngerern Jahren von der Fotografie bestimmt, nannte ich diese Lichtführung das Avedonlicht. Der New Yorker Fotograf Richard Avedon arrangierte einen riesigen Spot in der gleichen Weise wie Lehmann das Atelierfenster. In dieses Licht stellt Lehmann einen leeren, oben offenen Wellpappkarton, täglich werden Milliarden solcher Kartons von Versandhäusern zugestellt, von den Bestellern entsorgt. Das ist florierender Umsatz, das ist der gigantische Umsatz von verzichtbaren Dingen, es symbolisiert einen Aspekt der Warenästhetik des High-Tech-Kapitalismus, es ist die apokalyptlische Spirale mitten hinein in die Katastrophe, sie führt nach Babylon. 

Aber Lehmann verliert nicht die Nerven, er malt seine Stillleben in stilistischer und malerischer Meisterschaft, die alten Meister als Vorbild, sein intensiver Blick auf einen zu recycleten Pappkarton hat durchaus sehr viel mit der Auseinandersetzung mit den Gegenständen unserer Umgebung zu tun und damit einen unmittelbarer Zusammenhang mit meinen Seminarprojekten über die Dingwelt des Menschen. 

Ich beneide Lehmann, in welcher selbstgenügsamen Ruhe er so großen Problemen zu Leibe rückt. Das ist eben das, was Kunst kann.

Gunter Rambow