Helden des Prekariats

Zur Eröffnung der Ausstellung von Lars Lehmann in der Galerie artFuhrmann am 10. September 2010

Um die Welt nach seiner Art zu malen, braucht Lars Lehmann keinen Fuß vor die Tür zu setzen. All die Dinge, die er zur Imagination braucht, finden sich in seinem Kopf und innerhalb der vier Wände seines Güstrower Ateliers. Es sind einfache Dinge, die er in vielen Jahren zusammengetragen hat, Überbleibsel von Sachen, die jeder in der Kaufhalle kaufen oder irgendwo finden kann –
in der Möl, am Strand, am Wegesrand.
Plasteflaschen, Milchtüten, Becher, Dosen, Kartons, Kanister, Muscheln, Würfel, Spielfiguren. Trödel und Tinneff. Wertlose Dinge, die viele wohl wegwerfen würden – Lars Lehmann hebt sie auf, trägt sie nach Hause, stellt sie zusammen wie’s ihm gefällt, rückt sie ins Licht, setzt sie ins Bild. Sein gut gefüllter Requisitenschrank ist gewissermaßen ein Hort der Armseligkeit – und eine Schatzkammer der Inspiration zugleich.
Gegensätze dieser Art sind es, die Lehmanns Kunst so spannend machen.
„Helden des Prekariats“ – nennt er seine Ausstellung in diesen Räumen, eine mehrfache, ironisch gemeinte Anspielung: Auf die billigen Motive seiner kunstvollen Gemälde ebenso wie auf die „Helden des Proletariats“, die der Rostocker Bildhauer Wolfgang Eckhard vor einigen Jahrzehnten an genau dieser Stelle modellieren sollte. Und auf den heute fast überall zu hörenden Begriff „Prekariat“, der besser klingt als Plebs oder Pöbel, von manchen Leuten hierzulande jedoch nur allzu gern benutzt wird, um sich von Menschen aus den so genannten Unterschichten abzugrenzen.
Lars Lehmann hält dagegen: „Zu glauben, dass irgend eine Existenz nicht prekär wäre, das ist ja irre!“ Der Mann weiß, was er sagt.
Freies Künstlertum ist ja per se prekär, also schwierig, heikel und jederzeit gefährdet. Es ist diese nüchterne Sicht auf seine Situation – unter anderem – die er so manchem Zeitgenossen voraus haben dürfte.
Abgehoben ist der profilierte und weithin geschätzte Künstler nach seiner Berliner Meisterschülerzeit bei Volker Stelzmann jedenfalls gar nicht. Obwohl er die an der Hochschule der Künste zelebrierten Attitüden der Postmoderne bewusst vermeidet und in der Nachfolge viel älterer Maltraditionen längst seinen eigenen Weg gefunden hat, bezieht sich das, was er macht, sehr wohl auf unsere moderne Gesellschaft. Auch wenn es ihm vor allem um die Malerei geht und die Dingwelt seiner altmeisterlich anmutenden Stillleben sich nicht auf den ersten Blick erschließen mag.
Alles, was Sie hier sehen, hat er in den letzten zweieinhalb Jahren gemalt, darunter die großen, sorgfältig gebauten Programm-Bilder „Elysium“ und „Babylon“ hier unten an der langen Wand, die mit ihrem Reichtum an Formen, Farben und Klängen zu ausführlichen Erkundungen und immer neuen Entdeckungen einladen.
Wie gut er auch mit dem leerem Raum umgehen kann, zeigen die Bilder, auf denen gar nichts drauf ist, außer Farbe natürlich, um Licht und Schatten wiederzugeben. Weit davon entfernt, ohne Inhalt zu sein, weisen die nackten Wände der Kisten- und Atelier-Bilder einen beeindruckenden Kosmos an Hell-Dunkel-Nuancen auf. Kein Zweifel, Lars Lehmann könnte als Maler auch ohne Bildgegenstand auskommen, aber das ist eben nicht sein Ding.
Das Neueste ist „Der Aufstand“ – ein langgestrecktes Bild im Format eines Altarsockels,  das einen nur scheinbar zufällig versammelten Haufen bunter Plaste-Sachen auf einem Fensterbrett zeigt. Wie der Künstler erzählt, stand am Anfang dieser Arbeit die Absicht, das Gegenlicht zu studieren. Er stellte ähnliche Gegenstände zusammen, malte sie zunächst in Einzelgruppen und – als alles fertig war – noch mal alle zusammen. Immer auf der Suche nach der besten Komposition. Erst in Gouache, dann in Acryl und schließlich in Öl.
Dass die Bilder dabei immer besser wurden, ist das eine. Das andere ist, dass er über der Arbeit an den Figuren entdeckte: Die stehen ja zusammen wie Leute! Die stehen vor dem Fenster im Gegenlicht wie die Menschen damals vor der Mauer, und draußen ist die Freiheit! – 20 Jahre Mauerfall?
„Das fand sich hinterher“, erklärt er. „Für mich selbst spielt das aber eine große Rolle.“
Auch dieser scheinbare Gegensatz ist typisch für Lehmann. „Eigentlich“,  so seine Theorie, „ist es egal, was man malt. Die Hauptsache ist, wie man es malt.“ Und schiebt sogleich hinterher: „Der Inhalt ist aber das zweitwichtigste.“ Und: „Eigentlich bin ich mit den Dingen ganz zufrieden.“
Die Dinge haben es ihm angetan, sie sind sein Thema geworden. Als bekennender Stillleben-Maler forscht Lehmann mit allen Farben seiner Palette in der Grauzone zwischen der Welt der Dinge und der Welt der Menschen. Dass erstere ohne letztere nicht denkbar ist, scheint auf der Hand zu liegen, aber was fangen wir an mit dieser Einsicht?
Der Materialist glaubt, die Dinge existierten objektiv – außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein, also auch, wenn wir sie gerade nicht wahrnehmen oder gar auf Reisen sind.
Der Idealist hingegen weiß: Erst in unserem Kopf wird etwa ein gläserner Zylinder mit geschlossenem Boden und verengter Öffnung am Hals zur Flasche. Und sobald wir nicht mehr hingucken, müsste der Typ wohl bezweifeln, dass dieses Konstrukt überhaupt noch da ist, oder wenn, vielleicht, dann möglicherweise ganz anders als zuvor geschaut. Gar nicht zu reden von der Frage, ob der Mitmensch an unserer Seite das Ding genau so sieht, realisiert, imaginiert oder gar konstituiert wie wir selbst. Unabhängig von dem alten, akademischen Streit um die Grundfrage der Philosophie kann uns der Maler da möglicherweise zu tieferen Einsichten verhelfen als der Denker.
Der große Dichter Rainer Maria Rilke jedenfalls traute, was die Dinge angeht, der Sprache nicht recht über den Weg. In einem seiner vielen Gedichte bekannte er sogar, dass er Angst hatte.  

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Als Schüler hielt ich das für überzogen, aber es ist wohl doch was dran –
vor allem, wenn man vergleichsweise die Malerei als Möglichkeit des Umgangs in Betracht zieht. Der Maler nähert sich den Dingen behutsam, er bezeichnet sie differenzierter und setzt sie gleichsam tastend ins Bild, anstatt sie mit einem einzigen Begriff zu erschlagen.
Ein Künstler wie Lars Lehmann malt in Serien, untersucht in immer neuen Forschungsreihen die subtile Wirkung von Farben und Linien, Licht und Schatten in verschiedenen Techniken, bis das Ergebnis in seinen Augen den Dingen gerecht wird. Vor Lars Lehmann hätte Rilke sich nicht gefürchtet.
„Die Kunst ist der dunkle Wunsch aller Dinge“ hat der Dichter an anderer Stelle formuliert. „Sie wollen alle Bilder unserer Geheimnisse sein.“

Welche Geheimnisse unser Maler seinen Bildern anvertrauen mag, ist allein seine Sache;  was wir darin sehen wollen liegt freilich ganz bei uns. Die nähere Betrachtung macht jedenfalls Spaß, weil Lars Lehmann bei aller Ernsthaftigkeit seines Anliegens häufig auch spielerisch und verschmitzt vorgeht. Das fängt bei Bildtiteln an, die uns auf Dinge hinweisen, die gerade nicht zu sehen sind. „Wein und Milch“ etwa für ein Gemälde auf dem nur eine leere Flasche und ein neutraler Tetrapack aufscheinen. Und es geht bis zum heimlichen Einschmuggeln von Figuren in Stilleben, was das eine oder andere Bild, falls wir es nicht schon vorher eingesehen haben, zur lebendigen Landschaft, wenn nicht gar zum Drama macht.
Schauen wir etwa „Babylon“ an: Inmitten des aufgetürmten Konglomerats aus Kanistern, Kannen und Kartons postiert der Maler einen kleinen Kerl, der fröhlich grinsend nach oben guckt. Für den Betrachter eine gute Möglichkeit zum Perspektivwechsel. Vom Standpunkt des Pappkameraden aus scheint es  immer weiter aufwärts zu gehen. Das Warnschild auf dem Behälter, der zwischen ihm und der Leiter steht, kann er nicht sehen, aber wir wissen, es gebietet Vorsicht! Was soll das heißen?
Verkappt als Spielfigur oder – noch deutlicher – als Playmobil-Puppe schleicht sich der Mensch, der sonst nur als Betrachter angesprochen ist, mitten hinein in die Bildwelt des Lars Lehmann. Ganz simpel gedacht, kann dass zweierlei bedeuten: Inmitten unserer Prekariats-Produkte sind wir doch recht klein geworden, ja wir gehören in gewisser Weise selbst dazu. Oder: Die Dinge unserer künstlichen Welt nehmen schon so viel Raum ein, dass sie uns über den Kopf wachsen.
Bemerkenswert scheint mir, dass zwischen all den Artefakten der Neuzeit nur ganz wenige Fundstücke von natürlichem Wachsen und Werden zeugen. Und selbst die kommen als Verkünder von Vergänglichkeit daher: Muscheln und Schnecken, schön, aber tot. Schmetterlinge, prachtvoll, aber schon aufgespießt. Kiefernzapfen bar aller Samen, eine vertrocknete Wespe,  die schon lang nicht mehr fliegt. Vanitas-Symbole also als Vertreter der ursprünglichen Schöpfung  inmitten einer raumgreifenden Plastik-Welt.
Selbst die lebendig wirkenden Blumen sind meist aus Plaste, wie das hierzulande immer noch heißt. Gemeint ist in jedem Fall jedoch Kunststoff.
Und der Maler nimmt das offenbar wörtlich.  

Übrigens ist Lars Lehmann ein ganz ordentlicher Maler. Man muss dass richtig betonen, sonst würde man der Qualität seiner Bilder nicht gerecht.  Aber es stimmt: Er ist ordentlich in dem Sinne, dass bei ihm alles eine Ordnung hat, er hat sie für sich selbst gesucht und gefunden.
Der gebürtige Greifswalder, Jahrgang 1967, der in Ribnitz aufwuchs, erst als Wachmatrose in Saßnitz zu zeichnen anfing und nach einem schnell abgebrochenen Studium der Holzverarbeitung im ungarischen Sopron schließlich nach Berlin ging, um Kunst zu studieren, arbeitet nach eigenem Bekunden normalerweise Montag bis Sonnabend 10 bis 18 Uhr, und der Feierabend ist ihm wichtig. Wenn er nicht jeden Tag malen kann, fühlt er sich nicht wirklich wohl, er ist süchtig danach. Aber vorher geht es erst mal raus,  spazieren oder laufen. Mittags wird etwas Anständiges zum Essen gekocht.

Die kleine Siesta hat er sich angewöhnt, als er 1993 während des Studiums für ein halbes Jahr in Ravenna war. Leben und Kunst dort müssen wie eine Offenbarung gewirkt haben. Regelrecht begeistert ist er bis heute von den wunderbaren Mosaiken in den frühchristlichen Kirchen der alten Stadt.
Wer etwas länger mit Lehmann spricht, wird vielleicht bemerken, dass er nur aus Versehen als Lars geboren wurde, eigentlich Lorenzo heißt und im Herzen Italiener ist. Dennoch, leben möchte er nicht inmitten der überreichen Kunstlandschaft Italiens.
„Dort könnte ich vielleicht nicht mehr malen“, bekennt er offen. Mecklenburg dagegen sei relativ kunstfrei – mit Ausnahme von Güstrow mit dem prächtigen Altar des Brüsseler Bildschnitzers Jan Borman aus dem Jahr 1522. Niederländische Vorbilder gibt es selbstverständlich auch. Gute Kontakte hat Lars Lehmann in der zeitgenössischen Stilleben-Szene.
Über die handwerkliche Qualität seiner Arbeiten zu sprechen, erübrigt sich fast. Seine Bilder halten in den Details mehr, als sie auf schon auf den ersten Blick versprechen. Ganz offensichtlich ist Lars Lehmann ein vorzüglicher Maler, der sich seiner Mittel sicher ist.
Zur Qualität von Malerei ganz allgemein hat die Stuttgarter Kunsthistorikerin Gudrun Inboden einmal gesagt: „Die Kunst kopiert das Wirkliche nicht, sondern wiederholt es . . . und versetzt es in einen zeitlichen Fluss, verflüssigt es, ja – man könnte sagen – läutert es, und zwar nicht hin zu einer veränderten Wirklichkeit, sondern zum Schein. Nach Hegel ist diese Art Läuterung „höchste Verwandlung“ , ... , nämlich ein Erhöhen/Sublimieren der sinnlichen Welt, oder, wie Rilke sagt, die „Rettung des Sichtbaren ins Unsichtbare.“
Lars Lehmann verlässt sich dabei auch auf seinen Instinkt. „Das meiste geschieht ja gar nicht bewusst“, sagt er. „Malen ist etwas sehr Triebhaftes. Man muss es tun. Das läuft nur zum Teil im Bewusstsein ab, zum großen Teil eben nicht.“

Zu den bewussten Enscheidungen mit verblüffender Wirkung gehört ganz offenbar, was der Künstler im Flyer zu dieser Ausstellung zu Protokoll gibt: Dass er bei der Endfassung seines „Aufstand-Bildes“ die Farbigkeit erhöht und die Schatten aufgehellt hat, angeregt durch ein Bild, das in den Uffizien zu Florenz zu bewundern ist: „Anbetung der Könige“, eine spätgotische Altartafel, gemalt um 1420 in Firenze von einem Namensvetter Lehmanns: Lorenzo Monaco, auf gut norddeutsch: Lars, der Mönch.
Was der schon damals auf der Palette hatte! Strahlende, übersteigerte Farben. Leuchtendes Gelb, Grün, Gold und Blau, Rot und Rosé vor blassgrauem Hintergrund. Wie wunderbar farbig das Mittelalter gewesen sein muss, ist vielen Menschen ja gar nicht bewusst – von den Mosaiken frühchristlicher Kirchen bis hin zu der einst prächtigen Ausmalung der großen gotischen Kathedralen!
Dass diese, von unseren Kirchenwänden längst getilgte Farbigkeit – aufgehoben über 600 Jahre in dem Gemälde eines Florentiner Mönchs,  gesehen mit den Augen Lars Lehmanns in den prekären Plasteflaschen auf einem Güstrower Fensterbrett – dass diese Farbigkeit unter seinem Pinsel aufs neue Gestalt angenommen hat und heute abend in der ehemaligen Werkstatt eines sozialistischen Bildhauers aufscheint – das ist ein faszinierender Gedanke.
Ein wunderbarer Beweis für die ungebrochene Kraft der Malerei.
Und ein Beleg für Anspruch und Klasse eines sehr heutigen Künstlers,
der in einer großen Tradition steht, alles für möglich hält
und immer wieder gespannt ist, wo es noch hingeht.
Wenn wir in seinen Bild-Räumen ein Stück von unserer Welt entdecken, ist das genau der Ort, an dem wir Lars Lehmann immer wieder treffen können. Sie alle sind dazu herzlich eingeladen.

 

Jan-Peter Schröder, am 10. September 2010